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Die Idee, in Söflingen einen Posaunenchor zu gründen, ersannen die musikbegeisterten Freunde Gottlob Bausch (18) und Jakob Jakober (16) auf einer Brücke über die Blau. Stadtpfarrer Eugen Traub von der Christuskirche reagierte zunächst ablehnend – zum einen, weil es bereits in Ulm einen Posaunenchor gab und zum anderen, weil die Zeiten schlecht, Musikinstrumente und Noten teuer waren. Außerdem besaß der evangelische Jungmännerverein mit der Streichmusik und dem Fußball schon zwei Abteilungen – aus Sicht des Pfarrers völlig ausreichend. Dieser brachte das Anliegen dennoch vor den Kirchengemeinderat. Ein Mitglied, der vermögende Textilfabrikant Ulrich Steiger senior, stellte eine größere Geldspende in Aussicht und alle Bedenken waren verflogen.

So konnte im Oktober 1920 eine Gründungsversammlung mit elf Teilnehmern zusammentreten. Ihr gehörten an: Pfarrer Eugen Traub als 1. Vorsitzender, Mesner Georg Duckeck als 2. Vorsitzender und künftiger Dirigent, Gottlob Bausch, Eugen Bayh, Wilhelm Bayh sen., Wilhelm Bayh jun., Georg Gröner, Andreas Jakober, Jakob Jakober, Georg Mall und Christian Schacher.

Posaunenchor Söflingen

Georg Duckeck – hauptberuflich Frisör – leistete die musikalische Aufbauarbeit. Von anfangs 40 aus dem Söflinger Jungmännerverein stammenden “Zöglingen” blieben dem Chor 20 erhalten. Zu Beginn mußten sich fünf Schüler ein Instrument teilen. Geprobt wurde im Gemeindesaal des damaligen Pfarrhauses.

Am Christfestmorgen spielten Georg Duckeck, die vier vom Ulmer Posaunenchor übergewechselten Söflinger Eugen Bayh, Wilhelm Bayh, Georg Gröner und Andreas Jakober sowie Gottfried Mall als einziger, beneideter Novize erstmals vom Turm der Christuskirche. (Das Turmblasen an kirchlichen Festtagen war die Bedingung der Steigerschen Stiftung.)

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Zur Choralmusik gesellten sich nach und nach Volkslieder und Märsche, später auch leichte Konzertstücke. Mit dieser (bei den Bläsern weitaus beliebteren) Literatur ließen sich 1921 säkulare Veranstaltungen wie der Festzug und die Fahnenweihe des Söflinger Sportvereins bestreiten. Außerdem waren ein Ausflug des Jungmännervereins nach Blaubeuren, die Gedenkfeier für die Gefallenen des 1. Weltkriegs und Ständchen privater oder öffentlicher Natur – wie das zur Tradition werdende an Heilig Abend zu Ehren des Dirigenten auf dem Gemeindeplatz – zu verzeichnen.

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1922 konnte mit vielen Besuchern im Gasthof “Lamm” (später “Schlößle”) das erste richtige Konzert gegeben werden. Weiter standen als größere Ereignisse an: der Festzug des “Schwäbischen Bauerntages” (wobei die Felle der großen Trommel der Sonne nicht standhielten und rissen), in den Uniformen der historischen Ulmer Stadtsoldaten das “Schwäbische Sängerfest”, die 100-Jahrfeier des Liederkranzes und schließlich die Landeskonferenz der Jungmännervereine in Friedrichshafen. Infolge des nicht immer christlichen Verhaltens der Abgesandten trudelte ein paar Tage später ein Beschwerdebrief ins Söflinger Pfarrhaus ein …

Selbiges mußten die Bläser bereits vorher zur Schonung der Familie Traub verlassen und wurden für ihre Übungsstunden in die Sakristei verbannt.

Musik wird oft nicht schön gefunden, / weil sie stets mit Geräusch verbunden. (Wilhelm Busch)

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Die Jahre bis 1923 waren von der Inflation geprägt. Die Mitgliedsbeiträge reichten nicht aus, um Instrumente und Noten zu beschaffen. So zogen die jungen Musiker mit Leiterwägen in die umliegenden Dörfer und sammelten bei Bauern Spenden in Form von Getreide, Kartoffeln und Altmetall.

Die eigenmächtigen Sammlungen wurden vom Kirchengemeinderat gerügt, ebenso die Tendenz, sich vom Jünglingsverein abzuspalten sowie die bei einer größeren Zahl festzustellende “bedenkliche Neigung zum Wirtshausbesuch” – u.a. kehrte man nach jeder Probe im nahegelegenen “Hasen” ein. Dem Chor drohte die Auflösung.

Im März 1923 kam es aber zur Umwandlung in die “Musikkapelle Söflingen” (Posaunenchor). Nicht zuletzt aus finanziellen Erwägungen war nun die Aufnahme passiver Mitglieder möglich. Der Paragraph 4 der neuen Vereinssatzung lautete: “Mitglied kann jede unbescholtene männliche oder weibliche Person werden, ohne Rücksicht der Konfession”. Mittlerweile besaß die Kapelle aufgrund ihrer vielzähligen Auftritte einen hohen Bekanntheitsgrad in der überwiegend katholischen Vorstadt Söflingen und so gelang es dem Verein, schon in diesem Jahr 157 Fördermitglieder zu werben.

In einem Vertrag mit der Kirche wurden die Trennung vom Jünglingsverein, die musikalischen Pflichten und die Überlassung der Instrumente und Noten geregelt.

Am 30. Dezember fand – auch zur Einbindung der passiven Mitglieder – die erste Vereinsweihnachtsfeier im “Ochsen” mit Musik und Theater statt. 1924 wurde das Gasthaus der Familie Schick als Vereinslokal auserkoren.

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1924 trat die Musikkapelle dem “Süddeutschen Musikerverband” bei, wodurch Kontakt zu anderen Musikvereinigungen entstand. Im Juni brachte das Musikfest des Bezirks III (Donau) in Klingenstein einen großen Erfolg für die jungen Söflinger: von 16 Bewerbern erzielten sie mit dem Preisstück “Orientalische Lustspiel-Ouvertüre” von L. Gärtner und Mozarts “Ave verum corpus” als Wochenchor die zweithöchste Punktzahl! Damit ließen sie einige arrivierte Orchester hinter sich. In diesem Zusammenhang bewies der Leiter der Ulmer “Kapelle Golias”, daß es bei den Musikfesten nicht immer friedlich zuging: er zerriß sein Preisdiplom und erging sich in wüsten Schimpfworten, welche dem Preisgereicht Voreingenommenheit unterschoben. In der Vorbereitung hatten zahlreiche Einzel- (in der Wohnung des Dirigenten) und Registerproben stattgefunden. Alle Instrumente waren vom Musikhaus Reisser in einheitliche Stimmung gebracht worden.

Die damalige Besetzung:

1924


hinten: Gottfried Mall, Hermann Braun, Eugen Hofmann, Ludwig Hirning, Eugen Gansloser, Karl Gubler, Eugen Strobel, Karl Weber, Alfred Röthel, Paul Mohring; mitte: Gottlob Bausch, Willy Wäger, Jakob Jakober, Georg Duckeck, Andreas Jakober, Eugen Fraidel, Heinrich Gansloser; vorne: Karl Dauner, Hans Wilhelm

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Was sich in den Jahren zuvor schon angedeutet hatte und 1926 mit der Vereinbarung zur Reduzierung der “geschäftlichen” Auftritte sowie zur leichteren Entfernung “mißliebiger Elemente” durch den Dirigenten gerade noch entschärft werden konnte, führte 1927 endgültig zum Bruch. Der Kirchengemeinderat sah im Posaunenchor eine “in erster Linie weltliche, um Geld spielende Kapelle” und “Unbotmäßigkeiten einzelner Mitglieder”, welche den Dirigenten nötigten, zweimal das Turmblasen zu unterlassen. Weil die Musiker die “Diktatur” Duckecks leid waren und “verschärfte Einzelverträge” ablehnten, kündigte der KGR den 1923 geschlossenen Vertrag zum 1. Mai, forderte das ihm gehörige Inventar zurück, verbot die weitere Benutzung des Gemeindesaals und ersuchte um die Entlassung des Pfarrers aus der Vorstandschaft.

Musikverein Söflingen

Bereits vor Ablauf dieser Frist wählte der nunmehr weltliche “Musikverein Söflingen” Schneidermeister Wilhelm Röser (zuvor Vorstand des Sportvereins) zum ersten Vorsitzenden, Fritz Hofmann zum zweiten. Neuer Kapellmeister wurde der ehemalige Militärmusiker Adolf Biensch, der als “Stehgeiger” und musikalischer Leiter – zu Zeiten des Stummfilms – im Kino “Centraltheater” tätig war. Von ihm stammt der heute noch gebräuchliche “Musiker-Tusch”.

Nach Verhandlungen mit dem Gemeinderat kaufte der Musikverein ein paar Monate später für 10 Reichsmark die vorhandenen Noten.

Den ersten öffentlichen Auftritt unter der neuen Leitung bildete Ende Februar die Faschingsveranstaltung im “Ochsen”. Für Aufsehen sorgte die bei einem Standkonzert im Klosterhof Ende März erstmals getragene Uniform, welche aus einem blauen Anzug, einem weißen Stehkragen mit schwarzem Querbinder und einer blauen Schildmütze bestand.

Anläßlich des 5. Bezirksmusikfestes in Laichingen stifteten die ansässigen Leinenfabrikanten einen “Industrie-Wanderpreis” in Form eines silbernen Pokals. Dieser sollte solange “wandern”, bis ihn eine Kapelle dreimal gewonnen hatte (Die Frage, welcher Kapelle das gelang, ist rein rhetorischer Natur …). Mit G. Meyerbeers “Fackeltanz Nr. 1″ erreichten die Söflinger in der Oberstufe (der damals höchsten von drei) einen 1a-Preis, lagen punktemäßig aber hinter der Stadtkapelle Blaubeuren und dem Orchesterverein Ulm/Neu-Ulm.

Die allgemeine Aufwärtsentwicklung sollte durch die erneute Gründung einer Zöglingsabteilung unterstützt werden. Die Bewerber erhielten bei Biensch Einzelunterricht und mußten im Herbst eine theoretische und eine praktische Prüfung absolvieren, welche 14 Jungen bestanden.

Im Spätherbst erlag der überaus beliebte 1. Vorsitzende Wilhelm Röser einer Lungenentzündung. Laut Chronik weilte er noch in den Fieberfantasien bei seinem Verein und den Musikern!

Bei der Weihnachtsfeier debütierte die Streichmusikabteilung, welche (noch klein) aus Klavier, drei Violinen, je einer Flöte, Trompete und Posaune sowie zwei Schlagzeugern bestand.

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Zum neuen 1. Vorsitzenden wurde 1928 auf der Jahreshauptversammlung Polizeikommissar Albert Schreiber, zu seinem Stellvertreter Georg Lude, Oberküfer bei der Ulmer Brauerei-Gesellschaft, gewählt (1932 rochierten sie).

Der Musikverein brachte in der ganzen Vorstadt Anschlagkästen an, in denen wöchentlich zu sehen war, wann und wo die Proben stattfanden, welche Veranstaltungen bevorstanden und die “Vorschläge”, d.h. in welchem Lokal – natürlich dem eines Mitglieds – man sich allsonntäglich traf. Besondere Beachtung wurde der Premiere des zur Tradition werdenden Söflinger Kinderfests im Mackschen Garten zuteil.

Die Aktiven des Musikvereins 1928:

1928


hinten: Willy Schick, Albert Groß, Karl Benz, Erich Beuchlen, Karl Daur, Gotthilf Bittner, Hans Schmidt, Karl Ungerer, Albert Kächele, Wilhelm Schmidt, Paul Nietzer, Konrad Walter; mitte: Willy Ströhle, Jakob Jakober, Eugen Strobel, Josef Keller, Fritz Ruoß, Erwin Maier, Ludwig Hirning, Eugen Gansloser, Georg Ströhle, Paul Mohring, Heinrich Gansloser, Karl Weber; vorne: Eugen Spieß, Gottfried Mall, Robert Trump, Gottlob Bausch, Kapellmeister Adolf Biensch, Andreas Jakober, Alfred Röthel, Willy Wäger, Karl Dauner

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Nach wiederholten Spenden (u.a. vier Fanfaren) wurde Georg Klossika 1929 zum ersten Ehrenmitglied ernannt.

In einer großangelegten Werbewoche im Mai mit zahlreichen Stand- und Saalkonzerten sowie einem Fackelzug inklusive großem Zapfenstreich konnten 60 neue Mitglieder geworben werden.

Im Sommer marschierte der Musikverein im Festzug des vom Schwäbischen Sängerbund veranstalteten “32. Allgemeinen Liederfests” mit. Offensichtlich erzeugte dies bei einem der Zuschauer, dem Inhaber der Fleischwarenfabrik Zimmermann in Thannhausen, großen Eindruck. Kommerzienrat Zimmermann machte dem Dirigenten Biensch ein Stellenangebot, welches die Leitung der Werkskapelle miteinschloß. Weil sein Posten im “Centraltheater” mit dem Aufkommen des Tonfilms immer unsicherer wurde, sah sich der musikalische Leiter quasi zur Annahme gezwungen. In Söflingen ließ man den verdienstvollen Freund nur ungern ziehen – der Kontakt mit dem späteren Musikdirektor in Säckingen sollte nie abreißen.

Als Nachfolger wurde unter fünf Bewerbern Obermusikmeister a.D. August von Nessen gewählt, der zuvor die bayerische Infanterieregimentsmusik in Neu-Ulm und danach den Orchesterverein geleitet hatte.

Festlich und stilvoll fand im “Ochsen” die erste Silvesterfeier der Aktiven statt.